Auf einer Barock-Orgel spielen

28.05.2011 11:50
avatar  Mathias91 ( gelöscht )
#1 RE: Auf einer Barock-Orgel spielen
Ma
Mathias91 ( gelöscht )

Ich habe in diesem Thread über die "Delhumeau / Wender / Bach" Orgel in Pontaumur berichtet.

Ich durfte auf dem Instrument für ein paar Stunden spielen. Abgesehen davon, dass es einen "Christen"spass gemacht hat, war es für mich aus physiologischer Sicht eine spannende Erfahrung.

Die Orgel hat einen sehr schönen Klang und ist ein sehr schönes Instrument. Allerdings habe ich selten so schlecht und mies gespielt! rgel: Da ich ja kein Berufsorganist bin, ist mein Erfahrungshorizont dementsprechend eingeschränkt und ich habe bisher nur auf Instrumenten des 19. und 20. Jahrhunderts gespielt, die allesamt bereits über einige Spielhilfen verfügen und bei denen der Spieltisch jeweils mit dem Rücken zum Prospekt gebaut ist.

Ich habe zuvor noch nie auf einer Barockorgel gespielt.

In Pontaumur ist zwar die Mechanik gleichmässig und reibungsfrei, bei gekoppelten Manualen war allerdings der Druckpunkt um einiges stärker als ich es gewohnt war, so dass ich da bewusst mehr Kraft in die Finger stecken musste, was mich beim ersten Triller aus der Kurve gehauen hat.

Die Tasten sind recht kurz und schmal und die Tastatur verfügt über 48 Noten (das Pedal über 26 Noten). Ich habe mich mehr als einmal beim Manualwechsel, wenn die Noten nicht gerade fortührend waren, glatt um eine Oktave vertan und musste mich richtig konzentrieren . Aus physiologischer Sicht heisst das, dass meine grauen Zellen anscheinend in meiner räumlichen Orientierung das rechte Ende der Tastatur mit in Betracht ziehen und als Ausgangspunkt benutzen. Und / oder, dass ich unbewusst die Gesamtbreite unterteile.

Auf alle Fälle kam ich mehr als einmal beim Manualwechsel mit den Oktaven ins schleudern - wie peinlich für den "Organisten", wie interessant für den "Wissenschaftler"!

Das Pedal ist auch recht schmal und natürlich nicht geschweift, sodass es auch da während des Spiels an Präzision fehlte. Da ich allerdings auf den geringeren Umfang vorbereitet war, hatte ich vorher bereits die entsprechenden Stellen "einkalkuliert" und eine Oktave tiefer gespielt - und das hat ohne jegliches Zögern gut und fliessend geklappt, was ebenfalls aus physiologischer Sicht interessant ist.

Nach einer guten Stunde merkte ich, dass meine Füsse so allmählich ein deutlich besseres Raumgefühl hatten - wohingegen die verflixten Manuale mich bis zum Schluss reingelegt haben (wenn auch mit einem deutlich zunehmenden Abstand zwischen zwei Ausrutschern).

Vom Klang her war es auch das erste Mal, dass ich dem Prospekt zugewand und direkt in der Prospektwand eingegliedert gespielt habe.

Da einer meiner Söhne eine kleine Aufnahme vom Chor aus gemacht hatte, kann ich nun auch unter Eid bezeugen , dass der empfundene Klang am Spielisch von dem im Chor stark abweicht, was uns ja wieder auf unser altes Streitthema bringt :

  • Sollte das Hörempfinden des Gesamtklangbildes an einer DO dem Klang am Spieltisch oder dem im Kirchenraum entsprechen?[/*]
  • Sollte das räumliche Empfinden dem im Kirchenraum oder dem am Spieltisch entsprechen?[/*]


Das hat nun nichts mehr mit Faltungshall, C/Cis Lade, Anzahl der Lautsprecher, Hosenbeinbeschallung etc. zu tun : Prinzipiell sollte sich mal ein jeder fragen, ob er den Klang des Zuhörers oder den des Organisten bei sich zu Hause im Wohnzimmer haben möchte.


 Antworten

 Beitrag melden
28.05.2011 12:51
avatar  pvh
#2 RE: Auf einer Barock-Orgel spielen
pv
pvh

Hallo,

Zitat von Mathias91
und ich habe bisher nur auf Instrumenten des 19. und 20. Jahrhunderts gespielt, die allesamt bereits über einige Spielhilfen verfügen und bei denen der Spieltisch jeweils mit dem Rücken zum Prospekt gebaut ist.


Es gibt aber auch viele Orgeln vom 19. Jh. bis heute, bei denen der Spieltisch an den Orgelschrank angebaut ist. Es ist zumindest für deutsche Verhältnisse eigentlich eher ungewöhnlich, wenn man nie auf solche Orgeln stößt.

Zitat von Mathias91
In Pontaumur ist zwar die Mechanik gleichmässig und reibungsfrei, bei gekoppelten Manualen war allerdings der Druckpunkt um einiges stärker als ich es gewohnt war, so dass ich da bewusst mehr Kraft in die Finger stecken musste,


ist aber doch regelmäßig so; es stört mich eher bei meiner Digital-Übeorgel, dass es keinen Unterschied im Anschlag macht, ob ich koppele oder nicht. Gelegentliches oder regelmäßiges Üben am Klavier ist da ganz nützlich.

Zitat von Mathias91
Das Pedal ist auch recht schmal und natürlich nicht geschweift, so dass es auch da während des Spiels an Präzision fehlte.


Genau deswegen habe ich für meine DO ein "gerades" Pedal gekauft.

Zitat von Mathias91
Vom Klang her war es auch das erste Mal, dass ich dem Prospekt zugewand und direkt in der Prospektwand eingegliedert gespielt habe.

Da einer meiner Söhne eine kleine Aufnahme vom Chor aus gemacht hatte, kann ich nun auch unter Eid bezeugen, dass der empfundene Klang am Spielisch von dem im Chor stark abweicht,


Das finde ich regelmäßig aus 2 Gründen schwierig:
1. habe ich keinen richtigen Höreindruck (daher mache ich auch oft Aufnahmen beim Üben bzw. Testen von Registrierungen in der Kirche).
2. kann ich die Klangverhältnisse zu Hause an der DO nicht simulieren. Besonders bei mehrmanualigen Stücken höre ich dann in der Kirche im Gegensatz zur Übephase an der DO zu Hause nur noch das Brustwerk. Da muss ich dann vor einem Gottesdienst immer auch noch eine Übezeit in der Kirche einlegen.

Beste Grüße von der Waterkant
Christoph P.


 Antworten

 Beitrag melden
28.05.2011 13:15
#3 RE: Auf einer Barock-Orgel spielen
avatar
Administrator

Das Spielgefühl variiert von Orgel zu Orgel, klar.

Auch ich habe an barocken Orgeln, die ich aus der unmittelbaren Umgebung kenne, Schwierigkeiten mit präzisem Spiel; der Anschlag ist oft hart und irgendwie ungebremst. Von der Spieltisch-Ergonomie will ich gar nicht reden. Ich kenne eine Orgel, die offenbar für einen Organisten von allerhöchstens 1,50 m Körpergröße konzipiert wurde. Ich mit meinen 1,69 muss beim Sitzen an der Orgelbank schon den Kopf einziehen oder vorstrecken, da ich ihn mir sonst regelmäßig am vorspringenden Gehäuse stoße... Und in solch angespannt-verbogener Körperhaltung muss man dann spielen. Ungut.

Klanglich sind diese Orgeln in der Regel hervorragend, und da man als Gottesdienstbesucher nichts von den Schwierigkeiten des Organisten mit kleinen Tasten, wackelnden Pedalobertasten, kurzen Oktaven und brachialem Druckpunkt mitbekommt, kann man — unten im Kirchenraum sitzend — solche Orgeln in vollen Zügen genießen. Auf der Empore gestaltet sich das freilich etwas anders... :-S


Ich verkaufe meine Orgel, eine Gloria Concerto 234 Trend DLX. Bei Interesse bitte PN oder Mail.

 Antworten

 Beitrag melden
30.05.2011 12:47
avatar  Triforium ( gelöscht )
#4 RE: Auf einer Barock-Orgel spielen
Tr
Triforium ( gelöscht )

Hallo!

Zitat
Sollte das Hörempfinden des Gesamtklangbildes an einer DO dem Klang am Spieltisch oder dem im Kirchenraum entsprechen?
Sollte das räumliche Empfinden dem im Kirchenraum oder dem am Spieltisch entsprechen?



Macht es Sinn, dass das "Hörgefühl" am Spieltisch dem des Zuhörers im Kirchenschiff entspricht? - Ich finde nicht (aber das ist nur meine Meinung).

Da Mathias91 und ich ja Besitzer von Symphonicas sind, kann ich dazu noch einen anderen Aspekt beitragen: Bei der Symphonica hat man ja die Möglichkeit die Nachhall-Tiefe einzustellen. Das heißt nicht, dass der Nachhall dadurch länger wird, sondern, dass das ganze Klangbild mal "verhallter" o. "trockener" klingt. Es ist erstaunlich, was man daraus für gänzlich andere Klangvorstellungen von Orgel u. Raum und die Abhängigkeiten der Beiden voneinander kennenlernt.

Auch zur zweiten aufgeworfenen Frage, denke ich, gilt es das Klangbild an einem Spieltisch zu simulieren. D.h. der Raum sollte, meiner Meinung nach, erst in zweiter Hinsicht Berücksichtigung finden.

Bei CD-Aufnahmen in Notre-Dame, Paris, wenn die Schola o. der Chor im Chorraum singt, hat -so mein Kenntnisstand- der Organist auf der Empore Kopfhörer auf, um die Schola adäquat zu begleiten - aber ist das EIGENTLICH nicht irgendwie widersinnig? Bei diesem langen Raum muss der Organist ja eigentlich immer "taktmäßig" eine Winzigkeit (o. mehr) vor dem Choreinsatz liegen, damit der Impuls der Orgel mit dem Impuls des Chores zusammenfällt.
Summa summarum: Man braucht eigentlich eine Chororgel, womit ich wieder bei der Ausgangsmeinung bin: Das Hilfskonstrukt des Kopfhörers (in Notre-Dame) zeigt, dass es "surrealstisich" ist, dass der Organist seine Orgel von einem ganz anderen Punkt aus hört, als von wo aus er spielt.

Das Orgelgehäuse wird für den aktiven Musizierenden/Spieler, immer in räumlicher Nähe liegen. Daher ist diesem "naturgetreuen" Sound (vor einer Position des Kirchenschiff-Sitzers) der Vorzug zu geben.

Gruß

Triforium


 Antworten

 Beitrag melden
30.05.2011 15:21
avatar  Triforium ( gelöscht )
#5 RE: Auf einer Barock-Orgel spielen
Tr
Triforium ( gelöscht )

...weil Viernes "Messe solennelle cis-Moll für Chor und ZWEI Orgeln, op. 16" eine GROSSE Hauptorgel -zum Beispiel- bei der Aufführung braucht.

Es gibt eine Aufnahme aus Notre-Dame, die ich mein eigen nenne u. super finde, aber z.Zt., bei den üblichen CD-Händlern, nicht finde. Dort wurde, wie beschrieben, agiert. Momentan finde ich das Teil nur hier:

http://www.boutiquecathedrale.fr/cadeaux...ay-652-1-0.html

...aber lasst uns bitte hier nicht zu sehr vom Ausgangs-Thema abweichen.

Gruß

Triforium


 Antworten

 Beitrag melden
30.05.2011 20:33
#6 RE: Auf einer Barock-Orgel spielen
avatar

Hallo Mathias,

barocke Orgeln sind oft im Umgang sehr eigen. Wenn ich an einer solchen sitze spiele ich meist erst einmal ein paar Choräle, um zu testen, ob ich mich einigermaßen an die Abmessungen des Spieltischs gewöhne. Genau aus diesem Grund muss man dann oft auch seine Spieltechnik ein wenig umstellen (Spitzenspiel etc...)
Nicht verzweifeln, gut Ding braucht Weile...


Viola da Gamba

seit Mai 2011   Gloria Excellent 360
seit April 2017  Gloria Concerto 355,
Seit April 2021 Nutzer von Hauptwerk

 Antworten

 Beitrag melden
Bereits Mitglied?
Jetzt anmelden!
Mitglied werden?
Jetzt registrieren!