#1 Gackenbach: die Domorgel in der Dorfkirche von Wichernkantor 30.07.2020 11:17

Stell' Dir vor, Du bist Organist in einer kleinen Dorfkirche und Du bekommst die Möglichkeit, Dir eine Orgel bauen zu lassen, die weder Sparzwängen noch stilistischen Einschränkungen interliegt. Dem Organisten im Westerwalddörfchen Gackenbach (mal eben so 500 und ein paar Einwohner) ist genau das passiert. Und so ist Ralf Cieslik seit 2009 Gebieter über eine zweiteilige Orgelanlage mit insgesamt 64 Registern - und das Ende der Fahnenstange ist noch nicht ganz erreicht, wie er im Gespräch durchblicken ließ.

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Gestern habe ich mit einem Freund eine Orgeltour in den Westerwald gemacht. Gackenbach stand zum Abschluß unserer Exkursion auf der Liste. Und wir ahnten beide nicht, dass das zum krönenden Abschluß des Trips werden würde - und zwar im "british imperial style" .
Gackenbach liegt zwischen Montabaur und Limburg auf dem Höhenrücken zwischen Lahn und Rhein. Die Straßen dorthin sind eng und gewunden. Und sieht man die aus dem landestypischen Schiefergestein gemauerte Dorfkirche von außen, vermutet man in ihrem Innern bestenfalls den neobarocken Dorforgel-Klassiker mit ca. 15 bis 20 Registern.
Und so wäre es wohl auch gekommen, hätte nicht eine Reihe glücklicher Umstände im ersten Jahrzehnt dieses Saeculums die jetzige Anlage ermöglicht. 1999 war eine neue Orgel fällig.

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Sie kam aus der Werkstatt Göckel und hatte mit II/21 eine der Raumgröße und dem Volumen durchaus angemessene Disposition.

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Zu einem späteren Zeitpunkt kamen auf einer hinterständigen Pedallade noch eine offene Flute 16' und eine Bombarde 16' hinzu, letztere derzeit noch mit halber, demnächst mit voller Becherlänge. Beide Register werden vom Spieltisch der Emporenorgel mit Pistons geschaltet.

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Göckel griff den Chororgel-Typus von Cavaillé-Coll auf und brach ihn herunter auf die Erfordernisse in einer Dorfkirche, u.a. auf Raumbeherrschung . Die gesamte Orgel steht in Schwellung - mit Ausnahme des Prospektprinzipals 8'. Der Prinzipalchor, gekrönt von einer abgerundeten, sehr diskreten Mixtur, beherrscht das Langhaus spielend. Die üblichen französischen Farbstimmen sind vorhanden, die Flute harmonique wurde auf Wechselschleife gestellt.
Im jetzigen Ensemble erfüllt die Emporenorgel die Funktion eines großen französischen Schwellwerkes. Und dieses Werk soll noch größer werden: Für die Zukunft ist der Einbau der Tiefaliquoten 5 1/3' und 3 1/5' sowie eines Cromorne 8' geplant. Eine eigene Erwähnung verdienen die Holzarbeiten der Emporenorgel. Das Gehäuse ist in Eiche massiv auf Rahmen und Füllung gearbeitet, ebenso der Spieltisch. Das Innenleben des Spieltisches ist in poliertem Wurzelholz getäfelt. Auch bei den Holzpfeifen wurde auf hohe Wandstärken und gerade Fasern geachtet.

Die Region gilt als "Sängergegend", es gibt viele Chöre von z.T. beachtlichem Niveau. Da die Gackenbacher Empore eher klein ist und im Wesentlichen von der Orgel eingenommen wird, werden Chöre im rechten Querhaus aufgestellt. Für die Begleitung war eigentlich an eine kleine Orgel gedacht. Doch dann ergriff der Organist die Initiative und kaufte 2009 eine Orgel der Firma Nelson mit 13 Registern aus der aufgelassenen Kirche in einem Ort nahe Durham. Die Firma Krawinkel stellte das Instrument in der Gackenbacher Kirche an der rechten Wand des Querhauses auf. Ein viermanualiges Spielschrankchassis wurde eingebaut, die Schleifladen beider Orgeln wurden elektrifiziert an diesem zentralen Spielschrank zusammengefasst.

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Rechts findet man die Register der französischen Emporenorgel:

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Die Emporenorgel lässt sich als "großes Schwellwerk" vom IV. Manual spielen, aber auch nach Werken getrennt auf I und II legen. Beim Anschluß der Emporenorgel an den Hauptspieltisch wurde der Winddruck leicht erhöht. Und zwar auf diese Weise: Einfach ein paar Wackersteine auf den Regulierbalg gelegt ...

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Links die Register der britischen "Chororgel":

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Statt der ursprünglichen 13 stehen nun 43 Register in drei Stockwerken in dem fast zwölf Meter hoch aufragenden Gehäuse. Die zusätzlichen Stimmen in identischer Stilistik stammen aus englischen Orgeln, wurden einzeln oder in Gruppen dazugekauft und von einem kundigen Intonateur an die vorhandenen Stimmen angepasst. Das Ergebnis ist in jeder Hinsicht beeindruckend.
Das "Great" ist in der 8'-Lage mit drei (!) Prinzipalen in unterschiedlichen Mensuren besetzt. Es hat zwar keine Mixtur (die ich nicht vermisst habe), dafür aber die Trompeten-Trias 16' 8' 4', der jede Brutalität fehlt. Nobel binden sie in den Labialfond ein, ohne ihn zu erschlagen. Eine dreifache Mixtur findet sich schließlich im Solo, dort haben auch Orchestral Oboe und Orchestral Clarinet ihren Platz. Das Instrument hat (inkl. Emporenorgel) nicht weniger als drei Oboen 8', via Schwellung in allen denkbaren Schattierungen anzuwenden.
Allein mit den 8'- und 4'-Stimmen dieser Orgel ist ein bruchloses Crescendo bis zum ff möglich - und man vermisst dann noch keinen 2'!
Und das Generaltutti ist überwältigend schön, abgerundet, saftig, von imperialer Würde. Nie entsteht die Empfindung "zu laut", die sich bei mir mit zunehmendem Alter immer schneller einzustellen pflegt.
Eine besondere Erwähnung verdienen die zwei labialen 32'er im Pedal: Der Contra Bourdon (gedeckte 16'-Pfeifen) marschiert bis unten hin rund und voll, beim kombinierten Harmonik Bass sind der offene 16' und die Quinte 10 2/3 exzellent aufeinander abgestimmt. Man muss schon sehr genau hinhören, um von F abwärts die Quinte zu hören.

Hier die Schwelltritte und Pistons am Hauptspieltisch:

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Angelsächsischer Praxis gemäß ist der Crescendotritt rechts.
Die Klangsubstanz dieser Orgel ist elementar. Dabei entsteht die der Eindruck eines "zuviel". Man kann den (gemäß Beschreibung des Organisten) kräftigen Gemeindegesang mit einem ausgewählten Prinzipalchor begleiten und bis in die Zungenfarben hinein aufregistrieren, ohne die Gemeinde zu "erschlagen".
Und sollte man genötigt sein, den c.f. gegen eine träge singende Gemeinde durchzusetzen, gibt es noch das hier:

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Diese Hochdrucktuba wird mühelos mit dem Rest der Orgel fertig.
Gegen Krawallorganisten ist sie mit einem eigenen Motorschloß gesichert. Und das ist gut so.

Den Farben- und Schattierungsreichtum dieses Instrumentes muss man erlebt haben, ich kann es nur unzureichend beschreiben. Und ich glaube gern, dass konzertierende Gastorganisten mehrere Tage brauchen, um sich in diesen Klangkosmos einzuarbeiten.
Nächste Gelegenheit, einen Top-Organisten zu hören, besteht übrigens am Sonntag, 11.10. um 17 Uhr, dann spielt Willibald Guggenmos vom Dom zu St. Gallen.

Wenn Ihr in diese Gegend kommt, unbedingt mal vorbeischauen. Der Organist "lebt" diese Orgel und man kann mit ihm Stunden an ihr verbringen. Und mein Freund Jörg und ich haben gestern unser beider Ausgang kräftig überzogen, weil es einfach unbeschreiblich spannend und bereichernd war.

Die konzertante Nutzung organisiert ein Verein, hier dessen Page:
http://orgel-gackenbach.de/die_orgeln/

LG
Michael

#2 RE: Gackenbach: die Domorgel in der Dorfkirche von Martin78 30.07.2020 11:48

Ach, die kanntest du noch gar nicht ... ja, die ist einfach wunderbar. Sicher eine der schönsten Orgelanlagen in Rheinland-Pfalz und nicht umsonst immer beim Orgelsommer (Konzertreihe des Landes) dabei.

#3 RE: Gackenbach: die Domorgel in der Dorfkirche von Wichernkantor 30.07.2020 12:02

Nicht immer - dieses Jahr nicht. Corona lässt grüßen. Wie mir der Organist sagte, hofft man, nächstes Jahr wieder mitmischen zu können. Ich hatte über diese Orgel Verschiedenes gehört. Von "mega-geil" bis "größenwahnsinnig". Als Besitzer und Benutzer zweier halbwegs funktionierender Ohren verlasse ich mich lieber auf das, was ich in loco selber höre.

LG
Michael

#4 RE: Gackenbach: die Domorgel in der Dorfkirche von clemens-cgn 31.07.2020 19:46

Vielen Dank für Deinen ausführlichen Ohrenscheinbericht.....

#5 RE: Gackenbach: die Domorgel in der Dorfkirche von ChristiansOrgel 31.07.2020 22:11

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Guten Abend,

die Orgelanlage sieht ja echt super aus. Gackenbach - hat da nicht der Organist Fraser Gathshore eine CD aufgenommen bzw. in seinen (für mich sehr guten) Orgelvideos vorgestellt?

Da bleibt eigentlich kein Wunsch übrig.....

Ich bin froh, wenn ich meinen Subbaß drin habe. Ich hoffe, da komme ich jetzt mal langsam weiter.
Mitte August wird das Subbaß-Projekt wieder angegangen.

#6 RE: Gackenbach: die Domorgel in der Dorfkirche von Wichernkantor 01.08.2020 08:14

Eine CD gibt's von Gartshore nicht. Markus Eichenlaub (früher Limburg, jetzt Speyer) hat kürzlich eine produziert beim Label Aeolus. Ich habe sie mir natürlich mitgenommen, bin aber noch nicht zum Durchhören gekommen. Dazu brauche ich etwas Ruhe, die ich gerade nicht habe. Familiär ist momentan jede Menge "action" angesagt.

LG
Michael

#7 RE: Gackenbach: die Domorgel in der Dorfkirche von Weidenpfeife 01.08.2020 10:46

Da muss ich korrigieren.
Fraser Gartshore hat im letzten Jahr eine Orgel-CD aufgenommen, die zur Hälfte in Gackenbach, zur anderen Hälfte an seiner Dienstorgel in Herschbach aufgenommen wurde: Piping Hot at the Organ. Inhalt sind Swing, Jazz, Boogie Woogie mit Titeln bekannter Musiker aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und auch Eigenkompositionen.
Ich habe die CD, die Musik ist recht inspirierend und hat "drive", geht klanglich vom traditionellen Orgelklang bis hin zu Kinorogelsounds. Er schafft es immer, aus den Instrumenten eine weite klangliche Spannbreite herauszuholen. Und da hat die Orgel in Gackenbach einiges zu bieten.

Viele Grüße
Widenpfeife

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